aus: Ken Wilber, Exzerpt D.

Die Methodologien der Zone Nr. 2 haben sozusagen jeweils einen Fuß in beiden Welten - der Welt der Wirklichkeiten der ersten Person und der Welt der Wirklichkeiten der dritten Person. (Typischerweise werden sie daher von beiden dieser Welten verdammt, aber das ist eine andere Geschichte).
Durch die Anwendung des Paradigmas oder der sozialen Praxis eines adäquaten Strukturalismus können wir beispielsweise diejenigen Schritte bestimmen, welche notwendig sind, um ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln - vor dem Hintergrund, dass Ökosysteme selbst kein ökologisches Bewusstsein erzeugen und es auch nicht erklären...
Als ein Beispiel für einen adäquaten Strukturalismus betrachten wir eine bekannte Studie, und stellen sie in einen AQAL Zusammenhang:
Ein mittelloser Mann ist mit einer todkranken Frau verheiratet. Es gibt eine Medizin, welche ihr Leben retten kann, in der Apotheke des Ortes, in dem er wohnt. Der Mann kann sich aber die Medizin nicht leisten. Hat er das Recht, sie zu stehlen?

Zum Hintergrund: Selbst wenn sich Strukturalisten auf Individuen konzentrieren, studieren sie zu Beginn normalerweise Gruppen oder Ansammlungen von Individuen, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen gibt es das komplexe Thema der Transformation. Wie wir gesehen haben, benötigt ein Mensch - grob verallgemeinernd gesagt - etwa 5 Jahre, um sich von einer Stufe zur nächsten Stufe zu entwickeln, weil vertikale Transformation von einer Struktur zu einer anderen im allgemeinen ein mühsamer und längerer Wachstumsprozess ist. Daraus folgt, dass, wenn man nur ein Individuum studiert, man dieses Individuum jahrzehntelang studieren muss, um Transformation oder Entwicklung beobachten zu können. Demgegenüber erfasst man beim Studium großer Gruppen von Individuen viele Menschen, bei denen eine Transformation stattfindet, und kann so einfacher die Entwicklung von Strukturen studieren. Mit Gruppen lässt sich Transformation studieren.

Zum zweiten ist Strukturalismus ein Ansatz der dritten Person von Wirklichkeiten der ersten Person (eine Beschreibung von äußerlichem Verhalten von Innerlichkeiten, die man durch Vertrautheit kennt). Das bedeutet, dass ein beträchtlicher Anteil der deskriptiven Aspekte (der dritten Person) des Strukturalismus ohne eine persönliche Transformation auf Seiten des Forschers erstellt werden können.
Ein Mensch der beispielsweise Spiral Dynamics liest, kann sich die Definitionen der verschiedenen Ebenen aneignen und sie lernen, ohne notwendigerweise zu ihnen allen zu transformieren. In Begriffen der Wirklichkeiten der ersten Person ist dies ein Handicap; aber in Begriffen der Aspekte der dritten Person ist dies vorteilhaft. So wie ein Wissenschaftler das Verhalten eines Berglöwen beschreiben kann, ohne selbst zum Berglöwen werden zu müssen (bzw. direkt in eine Kommunion mit den Wirklichkeiten der ersten Person eines Berglöwen eintreten muss), kann ein Forscher bis zu einem gewissen Grad das innerliche Verhalten von Holons beobachten und beschreiben, ohne vollständig in deren Innerlichkeit eintreten zu müssen. Natürlich gibt es einen Punkt, an dem ein hermeneutisches Eintreten für den Strukturalismus absolut notwendig ist (das ist die Komponente der ersten Person des Strukturalismus), aber zu einem guten Teil besteht die Komponente der dritten Person des Strukturalismus einfach in einer Außenansicht von Verhalten.

Das bedeutet - und dies ist eine seiner großen Stärken -, dass Strukturalismus als eine Untersuchungsmethode dem Forscher erlaubt, eine große Anzahl von Transformationen zu beobachten, ohne sich selbst persönlich transformieren zu müssen. Dies ist der Vorteil des ?Abstandnehmens?, welcher in den methodischen Bestandteilen der Untersuchungen der dritten Person enthalten ist.

Wenn ein Mensch im Durchschnitt fünf Jahre für eine Transformation benötigt, dann können Forscher durch die Methodik des Vertrautseins nur jeweils eine Struktur [ihre eigene] in einem Zeitraum von etwa fünf Jahren studieren. Die deskriptiv beschreibende Komponente der dritten Person des Strukturalismus befreit erst einmal den Strukturalisten von der Last einer Transformation der ersten Person, und erlaubt dem Forscher, verschiedene äußerliche Entwicklungsaspekte einer großen Anzahl von Strukturen und Stufen zu beobachten und zu verfolgen, welche er oder sie niemals beobachten könnte, wenn er oder sie sich auf die Methodologien der ersten Person beschränken würde.
Aus diesem Grund können diese wichtigen Stufen der Bewusstseinsevolution nicht durch die ?erste Person einer ersten Person? Paradigmen gesehen werden, und sind ihnen daher auch nicht zugänglich - diese Entwicklungsstufen werden durch gemeinschaftliche Untersuchungen, partizipatorische Epistemologie, Aktionsuntersuchungen, Hermeneutik oder Phänomenologie nicht erkannt. Man kann Introspektion betreiben so viel man will, oder noch so vielgemeinschaftliche Untersuchungen, Hermeneutik und partizipatorischen Pluralismus betreiben ? man wird diese Arten von Stufen nicht sehen.

Ebensowenig wird Meditation diese verschiedenen Typen von Entwicklungsstufen zum Vorschein bringen. Man kann jahrelang auf einer Zazen-Matte sitzen, doch es wird einem niemals ein Gedanke kommen, welcher sagt, "Dies ist eine Moral der Stufe-3, dies ist die multiplistische Wertestruktur, dies ist der gewissenhafte Selbst-Sinn", usw. Diese wichtigen Stufen können von der Zone Nr. 1 nicht gesehen werden. Natürlich wird man diese Stufen auch nicht sehen, wenn man lediglich Methodologien der Zone Nr. 3 oder 4 praktiziert, wie beispielsweise Systemtheorie oder Ökologie. Dies ist das spezielle Geschenk der Zone Nr. 2 innerhalb der Ereignishorizonte wesenhafter Perspektiven.

Nehmen wir als Beispiel die Medizin für die kranke Frau. Soll der Mann die Medizin stehlen? Sucht man in sich selbst nach einer Antwort, dann wägt man dieses moralische Dilemma ab, und gelangt so zu einer Antwort. Das kann eine sehr gute Antwort sein. Oder vielleicht diskutiert man das Thema mit Freunden oder Kollegen, und unternimmt eine hermeneutische oder gemeinschaftliche Untersuchung, um herauszufinden welche Antwort am angemessensten ist.

Ersteres ist die erste Person einer ersten Person Singular, letzteres ist die erste Person einer ersten Person Plural. Beides sind extrem wertvolle Paradigmen bzw. Modi menschlicher Untersuchungen. Aber keine dieser Methodologien, unabhängig davon, wie intensiv sie durchgeführt und wie erfolgreich sie abgeschlossen werden, wird jemals Stufen oder Wellen moralischer Antworten zum Vorschein bringen - es sei denn, man selbst und die Freunde sind bereit, diese Diskussion für ein oder zwei Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Der Strukturalist indessen stellt diese Frage einfach einer sehr großen Gruppe von Individuen, und notiert sich beispielsweise ihr verbales und kognitives Verhalten bei der Beantwortung dieser Frage. Was Strukturalisten dabei herausgefunden haben, ist, dass Individuen dazu tendieren, drei sehr unterschiedliche Antworten auf diese spezielle Frage zu geben ? soll der Ehemann die Medizin stehlen? Die erste Antwort ist "ja"; die zweite ist "nein"; und die dritte ist "ja".
Antwort 1 ist ja, der Ehemann soll die Medizin stehlen. Warum? Weil dasjenige, was für mich richtig ist, richtig ist. Was immer ich will, ist moralisch richtig, und wenn ich die Medizin stehlen will, dann stehle ich die Medizin.
Antwort 2 ist nein, der Ehemann darf die Medizin nicht stehlen. Warum? Weil dasjenige richtig ist, was die Gesellschaft und die Gesetze sagen, und die Gesetze sagen, dass man Medizin nicht stehlen darf, und darum darf der Ehemann die Medizin unter keinen Umständen stehlen.
Antwort 3 ist ja, der Ehemann darf die Medizin stehlen. Warum? Weil es in diesem Fall übergeordnete Prinzipien gibt, Leben ist wichtiger als eine konventionelle Regel und der Wert von ein paar Dollar. Das Leben ist wertvoller.
Die Strukturalisten haben eine Gruppe von Individuen vor dieses Dilemma gestellt, die Antworten auf dieses Dilemma notiert, und dann untersucht, ob die Antworten irgendein Muster aufweisen. (oder sich klassifizieren lassen). Dies ist beispielsweise genau das, was Carol Gilligan bei ihrer Forschung getan hat, welche sie in ihrem Buch In a Different Voice zusammengefasst hat. Anstelle von "Soll der Mann die Medizin stehlen?" war eine ihrer Fragen: "Darf eine Frau abtreiben?" Auch Gilligan fand dieselben drei allgemeinen Antworten welche ich gerade zusammengefasst habe: ja, sie hat das Recht abzutreiben; nein, sie hat kein Recht abzutreiben; ja, sie hat das Recht dazu. (Diese Klassen von Antworten sind natürlich das Äußerliche bzw. die Beschreibungen derdritten Person von innerlichen Wirklichkeiten von Individuen, welche auf diese Fragen antworten. Also eine dritte Person einer ersten Person.)

Wenn ein Strukturalist auf irgendwelche allgemeinen Klassen von Antworten stößt, wie diejenigen, welche Carol Gilligan fand, dann verfolgt dieser Strukturalist vielleicht die gleiche Gruppe über den Zeitraum von einem Jahr oder länger. Wenn es sich um eine große Gruppe handelt, und wenn es sich bei den Antworten, die der Strukturalist notiert hat, um tatsächliche Stufen handelt, dann wird der Strukturalist folgendes finden: wenn eine Person, die eine bestimmte Antwort gegeben hatte, diese Antwort ändert, dann geschieht das in Richtung der nächsten Antwort, und nicht in Richtung der vorangegangenen Antwort. Wenn eine Person - mit anderen Worten - zuerst eine Antwort 2 gab, und sich dann auf eine neue Antwort festlegt, dann tut sie das immer durch Antwort 3, und nicht durch die Antwort 1. Es gibt hier - kurz gesagt - eine Richtung bzw. eine Stufenfolge, zumindest für diese Gruppe.
Wenn also der erste allgemeine Schritt eines adäquaten Strukturalismus darin besteht, Klassen von Antworten zu erkennen, besteht der zweite Schritt darin, herauszufinden, ob diese Klassen konkrete Stufen sind ? dass heißt, ob sie in einer Reihenfolge emergieren, welche nicht durch soziale Konditionierungen oder durch Umweltbedingungen verändert werden kann (wenn es sich um reale Stufen handelt, dann ist der Grund, warum sie sich nicht durch soziale Konditionierungen verändern lassen, der gleiche wie der, warum sich die Reihenfolge "Atome zu Molekülen zu Zellen" nicht durch Umweltbedingungen verändern lässt - man bekommt keine Zellen bevor man Atome hat, weil Zellen aus Atomen zusammengesetzt sind.
Echte Stufen sind zusammengesetzte Individuen, die zu Bestandteilen, Elementen oder Subholons nachfolgender zusammengesetzter Individuen werden, und man kann deren Reihenfolge nicht verändern, ohne diese zu Individuen zu zerstören, eben so wenig wie man die Reihenfolge "Buchstaben zu Wörtern zu Sätzen" verändern kann: man kann nicht zuerst Sätze und dann Wörter haben, unabhängig von sozialen Konditionen oder Umweltbedingen, welche man auf eine bestimmte Person anwendet. Das gleiche gilt für wirkliche und reale Stufen in jedem Bereich. Sie repräsentieren die Richtung einer Entwicklung oder Evolution in diesem Bereiche - dasjenige was Prigogine ?die Asymmetrie des Zeitpfeils? nennt? ? und diese Richtung kann nicht umgedreht werden, ohne dass dabei die gesamte Abfolge zerstört wird. Sie repräsentieren tatsächlich dasjenige, was wir mit kosmischen Gewohnheiten in einem bestimmten Bereich bezeichnet haben.)
Der Strukturalist verfolgt daher ? in einer Langzeitstudie - diese Gruppe über eine Reihe von Jahren, und beobachtet sorgfältig die sequentielle Beziehung dieser Klassen von Antworten. Wenn sie tatsächlich in einer Reihenfolge emergieren, welche durch Umweltbedingungen nicht beeinflussbar zu sein scheint, dann akzeptiert der Strukturalist bis auf weiteres, dass diese Klassen von Antworten Stufen einer Entwicklungssequenz darstellen (zumindest für diese Gruppe).
Im nächsten Schritt dehnen Strukturalisten dann ihre Studien auf größere Gruppen aus, um herauszufinden wie "lokal" oder wie "universell" diese Stufen sind. Dies ist eine rein rekonstruktive Untersuchung, und sie ist in diesem Sinne empirisch.
Wie wir in früheren Exzerpten [der Kosmos Trilogie Band 2] gesehen haben, treffen manche Stufen nur auf einige wenige Menschen zu, andere auf kleine Subkulturen, andere auf Kulturen, manche auf alle Menschen ganz allgemein, aber dies ist etwas, das durch konkrete Forschung herauszufinden ist, und zwar von denjenigen, welche die soziale Praxis eines adäquaten Strukturalismus beherrschen (der sich wiederum auf adäquate Hermeneutik gründet). Kein seriöser Strukturalist hat jemals Stufenfolgen auf Individuen angewendet, ohne dafür ausreichende Evidenz zu haben.
Wenn diese Antworten Stufen zu sein scheinen - ob lokal oder universell - dann wird sich der Strukturalist sehr wahrscheinlich der konkreten Struktur jeder dieser Stufen zuwenden (dem Herzen des Strukturalismus).

Ökologie im Gegensatz zu Strukturalismus

Ich möchte in diesem Abschnitt verschiedene unterschiedliche Beispiele dafür geben, warum man das gleiche Ökosystem - bzw. äußerliche Landschaften - miteinander teilen kann, ohne die gleichen innerlichen Landschaften miteinander zu teilen.

Systemtheoretiker sagen mit Stolz, dass die Systemtheorie sich mit der “ganzen Wirklichkeit” beschäftigt, und daher alle holistischen Grundlagen abdeckt. Sie weisen beispielsweise darauf hin, dass dynamische Systemtheorie sogar erfolgreich bei der Beschreibung von Mustern bei Verkehrsströmen in großen Städten eingesetzt werden kann. Und das stimmt - die Bewegungsmuster der Autos folgen spezifischen Mustern, welche von der Systemtheorie gut erfasst werden. Die Systemtheorie kann einem aber nicht sagen, ob der Fahrer (d.h. die Intentionalität) eines bestimmten Autos rot, blau, orange, grün usw. ist - und doch enthalten diese innerlichen Bereiche den Schlüssel nicht nur für sehr viele Fragen der menschlichen Existenz und Motivation, sondern auch zu allen Gefühlen bewusster Wesen im gesamten Kosmos. Wenn sich unser Tun darauf beschränkt, die Verkehrsmuster bewusster Wesen zu beschreiben - unter Verwendung von Ökologie, Systemtheorie, Chaos- und Komplexitätstheorie - dann haben wir tatsächlich alle Bewusstheit der ersten Person zu Objekten, Es [Plural] und Artefakten reduziert; wie haben jegliche Kultur und Bewusstheit zerstört.

Ich sage nicht, dass die Autos nicht diesen Systemmustern folgen; ich sage, dass diese Systemmuster lediglich nur einen Teil der Geschichte darstellen. Was die innerliche Geschichte angeht - ob in einer Zelle, einem Hirsch, einem Affen oder einem blauen Mem - müssen wir uns woanders umschauen, wo diese Ansätze nicht ersetzt, aber ergänzt werden.

Das spezielle Problem besteht hier darin, dass, obgleich alle Holons (mindestens) vier Quadranten haben - so dass alle Innerlichkeiten äußerliche Entsprechungen haben -, eine gleiche Reihe von äußerlichen physikalischen Wirklichkeiten dennoch deutlich unterschiedliche Innerlichkeiten unterstützen kann.

Nehmen wir beispielsweise an, dass sich jemand im Zustand eines Theta-Gehirnstrommusters befindet (einem äußerlich-objektiven Zustand der Gehirns, OR), von dem man weiß, dass er Zustände künstlerischer Kreativität, verschiedene Typen von Meditation, und eine zunehmende Lerngeschwindigkeit unterstützt (im OL). Dennoch ist es - mit den Worten des Biofeedback Pioniers Elmer Green - so, dass “Wenn jemand sich in einem Theta-Zustand befindet, wir nicht sagen können ob er meditiert, oder über kreative Möglichkeiten, eine Bank auszurauben, nachdenkt”.

Daher können - mit anderen Worten - unterschiedliche äußerliche Landschaften sehr unterschiedliche innerliche Landschaften unterstützen, weil es keine einfache eins-zu-eins Übertragung von Äußerlichkeiten auf Innerlichkeiten gibt. Sie bewohnen phänomenologische Räume, welche keine gegenseitigen fotografischen Negative darstellen, sondern ihre eigenen, oft-sehr-unterschiedlichen, wenn nicht gar ganz unterschiedlichen Topografien haben. All die Methodologien, welche in den innerlichen linksseitigen Quadranten der Abb. 2 [im Exzerpt D] aufgeführt sind (wie z.B. Phänomenologie, Hermeneutik, und Strukturalismus), versuchen diese innerlichen, nicht-physikalisch-lokalisierten Phänomene sowohl in menschlichen wie auch in nicht-menschlichen Wesen zu erhellen.

Natürlich sind diese Innerlichkeiten mit äußerlichen Wirklichkeiten untrennbar verbunden,  einschließlich äußerlicher sozialer Systeme und Ökosysteme, aber die verbindenden Fäden sind nicht topologischer Art; der feinste kommunikative Faden kann dazu führen, dass ein Mensch in Moskau und ein Mensch in Island eine sehrstarke Freundschaft entwickeln (ein starkes UL bzw. kulturelles “wir”), obgleich sie physikalisch durch tausende von Meilen und dutzende lokaler Ökosysteme getrennt sind. Umgekehrt kann ich neben Ihnen wohnen, in einem identischen Ökosystem, und dennoch sind wir keine Freunde.

Kurz und bündig: Solidarität und Geografie sind nicht dasselbe; das gemeinschaftliche Teilen von Werten und der gemeinsame Aufenthalt in einem physikalischen Raum sind nicht äquivalent.

Ebenso wie bei den Theta-Gehirnzuständen (das äußerliche Objektive eines Individuums) und den oftmals unterschiedlichen innerlichen Bewusstseinszustände, können du und ich sich im selben “Theta-Ökosystem” befinden - dem selben objektiven äußerlichen Netzwerk - und doch meditierst du, während ich mir überlege, wie ich eine Bank ausrauben kann. Das gleiche ökologische System kann einen Ghandi und einen Charles Manson unterstützen. Die Aussage, dass das Ökosystem die primäre und fundamentale Wirklichkeit darstellt - und dass sowohl Ghandi als auch Manson einfach nur im Einklang mit dem Ökosystem leben sollten - bedeutet eigentlich, dass “im Einklang mit ihm leben” und “Ökosystem” NICHT dasselbe sind - und das ist genau mein Punkt.

Entscheidend ist - was in ökologischen Ansätzen oft übersehen wird - , dass wir in tatsächlich im Einklang mit der Natur leben können, was bedeutet, dass die Natur nicht der determinierende Faktor ist, und das wiederum bedeutet, dass ökologisches Bewusstsein nicht durch die Ökologie erklärt werden kann.

Das ist kein trivialer Punkt über ein paar Innerlichkeiten; es betrifft alle bewussten Individuen. Innerliche Landschaften und äußerliche Landschaften sind tatsächlich unterschiedliche Aspekte oder Dimensionen derselben Ereignisse - aber das “unterschiedliche” ist ebenso real wie das “gleiche”.

Nehmen wir ein relevantes Beispiel: in menschlichen Wesen emergieren die wahren ökologischen Werte erst mit der Welle des grünen Mem der Bewusstseinsentwicklung, und gelangen erst mit Gelb zu ihrer vollen Blüte. Vor diesen Wellen der innerlichen Entwicklung gibt eskein weltzentrisches ökologisches Bewusstsein - es “ist zu hoch” für beige, purpur, rot und blau. Weltzentrische oder globale Ökologie ist dem Stammesbewusstsein des purpurnen Mem “zu hoch”, welches - worauf Clare Graves hinweist - “verschiedene Namen für jede Biegung des Flusses hat, aber keinen Namen für den Fluss”. Ebenso ist das globale ökologische Bewusstsein jenseits von roter Egozentrik, und auch jenseits von blauer mythischer Gruppenzugehörigkeit. Erst bei Grün emergiert ein derartiges Bewusstsein, und es erblüht erst mit Gelb - und nichts davon wird von der Ökologie selbst erfasst oder erklärt.

Mit anderen Worten: diejenigen Wirklichkeiten, welche die Emergenz des ökologischen Bewusstseins ermöglichen, werden von der Ökologie nicht erfasst. (Was der Grund dafür ist, warum die Reduktion der Wirklichkeit auf Ökologie in Wahrheit die ökologischen Wirklichkeiten zu Grunde richtet.)
Da diese Stufen innerlicher Entwicklung, welche zu der Fähigkeit eines ökologischen Bewusstseins führen, nur durch den Strukturalismus erhellt werden, folgt daraus, dass äußerliche Ökologie - um überhaupt effektiv sein zu können - von innerlichem Strukturalismus abhängig ist.

Ich und meine blauen Innerlichkeiten gehören zum örtlichen Lion’s Club; du und deine gelben Innerlichkeiten gehören zum örtlichen Integralen Institut. Wir haben bereits gesehen, dass dies bedeutet, dass du und ich die innerliche Kultur bis hin zur blauen Ebene miteinander teilen; und wir können daher innerhalb eines sinnvollen “wir” Konversation bis zur blauen Ebene betreiben, weil die Zeichen und Bedeutungsträger, welche wir austauschen - bis zum blauen Welt-Raum - ausreichend ähnliche Referenten haben werden (und wir daher kulturelle Solidarität bis zu dieser Ebene miteinander teilen). Doch grüne und gelbe Symbole, Worte und Zeichen werden mir “chinesisch” vorkommen; ihre Referenten sind mir buchstäblich “zu hoch”, und haben daher keine wirkliche Bedeutung für mich, wenngleich ich ihre Signifikanten hören kann. Ich befinde mich nicht innerhalb eines “wir”, so dass meine Austauschbeziehungen bezüglich der Mustern dieser phänomenologischen Räume nicht intern sind. Ich kann buchstäblich nicht verstehen, worüber du sprichst. Deine gelben Werte beinhalten ein weltzentrisches oder globales ökologisches Bewusstsein; meine blauen Werte nicht. Wir leben im gleichen Ökosystem, aber nur einer von uns hat ein ökologisches Bewusstsein.

Jede wahrhaft integrale Ökologie wird sicher alle diese Tatsachen in Betracht ziehen. Damit nachhaltige Ökonomien im Einklang mit dem Ökosystem leben können, müssen menschliche Wesen über innerliche Ebenen verfügen, welche dieses ökologische Bewusstsein tragen können: es gibt keine nachhaltige äußerliche Entwicklung ohne die entsprechende innerliche Entwicklung; keine äußerliche Landschaft kann ohne die innerliche Landschaft, von der sie getragen wird, überleben. Es nützt wenig das weltzentrische Netz des Lebens zu betonen, wenn die Menschen immer noch auf der egozentrischen und ethnozentrischen Ebene ihrer innerlichen Entwicklung stehen - was bei alarmierenden 70% Prozent der Weltbevölkerung der Fall ist.

Die Tiefenökologie zum Beispiel - als eine wundervolle Darstellung der Notwendigkeit einer Bewusstseinstransformation, als Vorrausetzung für ein Erkennen von gegenseitiger ökologischer Verbundenheit, trifft - in einer Umschreibung von Arne Naess - folgende typische Aussagen: “Die Selbst-Identität eines menschlichen Wesens kann sich ausdehnen von einer Identität mit dem individuellen Organismus, zu einer Identität mit der Familie oder dem Stamm, zu einer Identität mit der gesamten Nation, zu einer Identität mit der gesamten Menschheit. Doch sie kann noch einen weiteren Schritt gehen, hin zu einer Identität mit dem ganzen Leben, und das ist der Beginn der Tiefenökologie.”

Einverstanden. Aber die Tiefenökologie hat absolut nichts über diese konkreten Stufen innerlicher Transformation zu sagen - egozentrisch zu ethnozentrisch zu kosmozentrisch - Stufen die ja in einer außerordentlichen Detailliertheit von den Entwicklungsstrukturalisten studiert worden sind. Tiefenökologie formuliert einfach das Ziel, ohne ein Verständnis von dem Weg zu diesem Ziel zu geben. Und der Grund für diesen lähmenden Mangel liegt - wie wir sagten - darin, dass Ökologie im Wesentlichen eine Methodologie der Zone Nr. 4 ist, dass aber die innerlichen Stufen auf dem Weg zu einem ökologischen Ziel nur durch die Paradigmen der Zone Nr. 2 erhellt werden können.  Natürlich wird eine wirksame Ökologie beides beinhalten, weil Ökologie ansonsten ein Ziel ohne einen Weg unterstützt, eine noble Idee ohne Bedeutung, ein wundervolles Bestreben, begleitet von nebulösen Aussagen, Ermahnungen und gegenseitigen Beschuldigungen, aber nicht unterstützt durch eine effektive Praxis.

Eine wahrhaft integrale AQAL Ökologie würde alle diese Faktoren berücksichtigen. Integrale Ökologie wird von verschiedenen meiner Kollegen am Integralen Institut vorangetrieben (z.B. Michael Zimmermann, Sean Hargens, Chris Desser), ein Ansatz welcher nicht nur die komplizierten Netze von Ökosystemen behandelt, sondern ebenso die innerlichen Stufen/Strukturen des Bewusstseins, welche die Emergenz eines ökologischen Bewusstseins, das die Ökologie schützen möchte, erst ermöglichen. Unserer Meinung nach können Ansätze, die hinter einem AQAL- oder integralen ökologischen Ansatz zurückbleiben keinen Erfolg haben - nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie nur einen Teilbereich abdecken. Auf der anderen Seite erlaubt die Verwendung eines AQAL Rahmens und seines Integral Methodologischen Pluralismus eine Integration der meisten der Hauptschulen der Ökologie, von denen jede ein wichtiges Stück des gesamten integralen Puzzles liefert.

Hermeneutik im Gegensatz zu Strukturalismus

Nennen wir diesen Abschnitt “Vertrautheit im Gegensatz zur Beschreibung: Man muss dabei gewesen sein”.

Weil Hermeneutik ein Insiderbericht von Innerlichkeiten ist (1p x 1p), wird ein Wissen durch Vertrautheit benötigt, wohingegen die anderen drei Zonen, weil sie sich mit äußerem und äußerlichem befassen, ein Wissen durch Beschreibung benötigen (d.h. alle anderen drei Zonen haben mindestens ein “3p”.) Dies ist vielleicht der wichtigste einzelne Unterschied zwischen Hermeneutik/Phänomenologie und den anderen drei Zonen, und diese entscheidend wichtige Dimension wird - das ist klar - durch eine ausschließliche Konzentration auf die drei anderen Zonen zerstört (von Strukturalismus zu Ökologie zu Systemtheorie). Aus diesem Grund kann eine Anwendung des Strukturalismus, so wichtig diese auch ist, alleine nicht gewinnen (wie auch die übrigen Zonen für sich genommen das nicht können, ebenso wenig wie ein Quadrant, eine Ebene, eine Linie, ein Zustand oder ein Typ das alleine kann). Es ist wichtig das zu erkennen, weil der Strukturalismus - wie jedes andere Eintreten für ein bestimmtes Paradigma - in verschiedene Absolutismen verwickelt sein kann (einschließlich Quadrantenabsolutismus, Zonenabsolutismus und Stromabsolutismus).

Ich und meine blaue Innerlichkeit können das Buch Spiral Dynamics lesen, und ich kann mir die Beschreibungen und Definitionen all der Hauptstrukturen und vMeme merken. Ich kann mir die Worte und Signifikanten merken, welche beige, purpur, rot, blau, orange, grün, gelb und türkis definieren. Wenn ich gebeten werde, türkis zu beschreiben, dann kann mir das perfekt gelingen. Bedeutet dies nun, dass ich mich auf der türkisen Ebene oder Struktur der Entwicklung befinde? Ganz und gar nicht.

“Strukturen” sind, wie wir gesagt haben, Beschreibungen der dritten Person (in “es” Sprache) von Wirklichkeiten der ersten Person, und ich kann mit daher diese Beschreibungen merken, ohne mit diesen Wirklichkeiten vertraut sein zu müssen. Durch Beschreibung erhält man Zugang zu diesen “es” [plural], aber den Zugang zu den entsprechenden “ich” Wirklichkeiten erhalte ich nur, wenn ich mich selbst zu diesen Ebenen, Stufen oder Strukturen transformiere und diese Wirklichkeiten so durch Vertrautheit kenne.

In einem Satz: Wissen durch Vertrautheit erfordert Transformation; Wissen durch Beschreibung erfordert Translation.

Dies ist eine andere Art, das Problem bezüglich der Ökologie anzusprechen, ein Mangel, welcher ebenso die meisten Ansätze eines “neuen Paradigmas” lahm legt, weil viele Menschen einfach nur die Beschreibungen dieser hoch integrierten Bewusstseinswellen wiederholen; ein inszenierendes Netz des Lebens, nichtduales Bewusstsein, integrale Solidarität - ohne sich zu einem Wissen durch Vertrautheit über diese integralen Wirklichkeiten hin transformiert zu haben.)

Robert Kegan (seine Bücher - einschließlich The Evolving Self, In Over Our Heads, und Languages of Transformation - sind ausgezeichnete Beispiele für einen adäquaten Strukturalismus) weist darauf hin, dass die meisten Menschen im Durchschnitt fünf Jahre benötigen, um sich von einer Hauptstufe zu nächsten zu entwickeln. Wenn ich daher beispielsweise blau bin (und mir also ein weltzentrisches Bewusstsein fehlt), und du bist - zwei Entwicklungsstufen voraus - bei grün, (und besitzt ein gut entwickeltes ökologisches Bewusstsein), und versuchst mich davon zu überzeugen, dass ich eine ökologische Perspektive wie die deinige einnehmen sollte, dann musst du einfach nur 10 Jahre warten, also so lange, bis ich mich zu dieser Ebene hin entwickelt habe, und dann werde ich dir zustimmen.

Die Vorstellung also, dass wir uns durch das Gespräch in ein ökologisches Bewusstsein “reden” können, oder dass wir einfach nur ein neues Paradigma “lernen” müssten, oder dass wir lediglich die Newton-Cartesianische Weltsicht durch eine holistische Weltsicht ersetzen müssten - alle diese Ansätze liegen weit daneben. Genau deshalb, weil diesen Ansätzen die Methodologien der Zone Nr. 2 fehlen, sind sie sich der Entwicklungsstufen des Bewusstseins nicht bewusst, welche die Voraussetzung dafür sind in der Lage zu sein zu können, eine wahrhaft weltzentrische, holistische, integrale Weltsicht überhaupt erst einzunehmen. Wie wir schon gesagt haben, präsentieren diese Ansätze im Ergebnis ein wundervolles Ziel - ohne einen Weg, wie man zu diesem Ziel gelangen kann; eine noble Vision - ohne einen Weg, wie diese zu erreichen ist; eine Ökologie, die nur sehr wenig für die Ökologie tut - nur weg-lose Paradigmen, leider. (Was gleichbedeutend ist mit paradigmen-losen Paradigmen, weil Paradigmen Wege sind, und keine Landkarten, und diese Ansätze präsentieren nichts als Landkarten von einem Territorium, von dem keiner weiß, wie man es erreichen kann.)

Und da liegt genau die Stärke eines adäquaten Strukturalismus und den wundervollen Beiträgen der Methodologien der Zone Nr. 2. Wir werden noch auf die genaue Natur einer strukturellen Forschung - im Zusammenhang mit Carol Gilligan’s Studie über die Stufen der weiblichen moralischen Entwicklung - zurückkommen, und die Beiträge und Geschenke hervorheben, die der Strukturalismus in einen integral methodologischen Pluralismus einbringt, einschließlich einem Verständnis darüber, wie wir den Weg hin zu einem weltzentrischem Bewusstsein auch konkret gehen können (in Ökologie, Politik, Erziehung und Bildung, Medizin...). Aber zuerst einmal halten wir fest, dass es in der Tat einen wesentlichen Unterschied gibt zwischen einem Wissen durch Beschreibung, welches man sich durch Translation aneignen kann, und einem Wissen durch Vertautheit, welches ausschließlich durch Transformation erlangt wird.

Individuen können 3p Beschreibungen lernen, Landkarten, Namen und Definitionen der höheren Entwicklungswellen (einschließlich der des Bewusstseins ökologischer Systeme), ohne sich konkret zu diesen höheren Wellen transformieren zu müssen, und dies kann sie ironischerweise daran hindern, die erforderlichen Schritte hin zu einem Erwachen zu diesen höheren Ebene an sich zu tun (um so Gaia wirklich dienen zu können). Dies ist ein kontinuierliches Problem bei den Ansätzen eines neuen Paradigmas, welche lediglich Beschreibungen ohne Entwicklung anbieten.

Aus dem gleichen Grund kann dies zu einem Problem des Strukturalismus selbst werden. Weil dieser eine wunderbare Reihe von 3p Landkarten eines 1p Bewusstseins liefert, kann der Strukturalismus dazu beitragen, dass Menschen sich diese Landkarten lediglich merken, und so niemals das Territorium entdecken. Es ist daher - wie immer - so, dass der  Strukturalismus nur dann seinen guten Beitrag zum Ganzen leisten kann, wenn er seinen Platz am integralen Tisch einnimmt. Strukturalismus kann tatsächlich das Äußerliche von innerlichen Bewusstseinswellen beschreiben, aber diese Wellen können von innen her nur durch Vertrautheit erkannt werden, nur durch Transformation, nur durch eine direkte Berührung im lebendigen Herzen, ein Lied, welches nur von innen heraus gesungen werden kann.

Die Struktur eines Liedes

Wir sind den allgemeinen Schritten der sozialen Praxis eines adäquaten Strukturalismus gefolgt: (1) eine hermeneutische Interaktion (der ersten Person Plural) auf der Suche nach Antwort-Klassen der dritten Person auf eine Reihe von Bedingungen; (2) Langzeitstudien, um zu sehen, ob diese Klassen Stufen darstellen; (3) gruppenübergreifende Studien, um die Anwendbarkeit dieser Stufen zu untersuchen - ob sie eher lokal oder mehr universell sind; und (4): die Suche nach der Struktur bzw. dem zusammenhängenden Muster von jeder dieser Stufen.

In diesem Abschnitt konzentrieren wir uns auf den vierten und letzten Schritt.
Sind Stufen innerlicher Antworten erst einmal identifiziert, versuchen die meisten Forscher, die zusammenhängenden Codes oder Strukturen dieser Stufen zu spezifizieren - das heißt die Agenz, welche diejenigen Elemente steuert, die intern bezüglich dieses speziellen Holons sind (individuell oder kulturell, subjektiv oder intersubjektiv, ich oder wir).

Wir haben bereits das Schachspiel als ein Beispiel für eine Struktur verwendet. Ein musikalisches Lied ist ein weiteres gutes Beispiel. Ein Lied kann auf zahlreichen verschiedenen Instrumenten gespielt werden, und bleibt doch das gleiche Lied (weil Strukturen nicht durch ihre materiellen Komponenten definiert sind, sondern durch die Regeln ihrer internen Beziehung). Darüber hinaus haben viele Lieder eine universelle Resonanz: Russen, Kroaten, Aborigines und Hawaianer können alle die gleiche Melodie summen und auf sie reagieren. Ein Lied ist durch seine holistischen Tiefenmerkmale definiert (seine Melodie, die Anordnung der Töne zueinander), die für jeden gleich sind; und doch ist kein Lied jemals gleich, es wird von unterschiedlichen Menschen gesungen, unter Verwendung unterschiedlicher Instrumente, und zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gespielt (universelle Tiefenstrukturen, pluralistische Oberflächenstrukturen).

Ebenso gibt es viele Melodien und Lieder, welche im menschlichen Herzen und in der menschlichen Seele gesungen werden, und Strukturalismus ist das Studium dieser erlesenen Melodien. Während Hermeneutik diese Lieder von innen her studiert, wie sie gesungen und miteinander erlebt werden, betrachtet sie derStrukturalismus von außen, nicht als vorgegebene ontologische Strukturen, sondern als sich entfaltende, entwickelnde und evolvierende Muster, welche mit dem Erlernen neuer und anderer Arten zu singen und zu tanzen emergieren. Einige dieser Lieder sind so populär, dass sie immer wieder wiederholt werden, und so zu kosmischen Gewohnheiten werden, und einige der wirklichen großen Lieder der Evolution werden zu universalen oder planetarischen kosmischen Gewohnheiten.

Wenn der Strukturalist ein Lied des Bewusstseins entdeckt - etwas, was eine kosmische Gewohnheit zu sein scheint, welcher ein bestimmtes innerliches Holon (oder einer Gruppe von Holons) folgt - bewegt er sich von der Beschreibungen des gewohnheitsmäßigen Verhaltens hin zu möglichen Definitionen oder Aufdeckungen von zugrundeliegenden Mustern, Codes, oder Regeln - das heißt, von einer Beschreibung der kosmischen Gewohnheiten, denen das Holon folgt, zu einer möglichen Definition der Agenz bzw. Internalität dieser Gewohnheit.

Die Struktur eines Liedes ist seine Melodie, sein Muster. Singt ein Mensch ein Lied, dann bringt er mit seinem stimmlichen Ausdruck Töne hervor, welche intern bezüglich dieser Melodie sind (oder intern bezüglich des Nexus der Beziehung der Noten, welche das Lied definieren).

Ganz ähnlich besteht auch die Struktur des Schachspiels aus einer Reihe von Regeln, denen die 16 Spielsteine folgen müssen; zwei Menschen (bzw. zusammengesetzte Individuen) sind in einem Schachspiel (bzw. einem zusammengesetzten Netzwerk), wenn das Verhalten der 16 Spielsteine, welche beide verwenden, internalisiert ist in bezug auf das Spiel (d.h. sie folgen den Schachregeln) - die Individuen sind in dem Spiel bzw. in der “wir” Situation, wenn die Austauschbeziehungen ihrer 16 Spielsteine intern sind - bezüglich der Nexus-Agenz oder den Regeln des kommunalen Holon. Der Strukturalist interessiert sich für diese Regeln, Regeln, welche die kosmischen Gewohnheiten bzw. die stabilen Muster dieses speziellen Holons ausdrücken (und Regeln, die daher Ganzheit, Transformation und Abgeschlossenheit bzw. Autopoiesis zeigen).

Das Schachspiel hat eine Struktur, ein Bakterium hat eine Struktur. Der Hauptunterschied zwischen beiden besteht darin, dass ersteres ein Artefakt ist, und letzteres ein bewusstes Holon; ersteres ist ein zusammengesetztes Netzwerk, letzteres ein zusammengesetztes Individuum. Dennoch haben beide eine Struktur im weitesten Sinn, welche die stabilen Muster oder kosmischen Gewohnheiten seiner Reproduktion in Raum und Zeit repräsentieren. Wie wir schon sagten ist eine Struktur im weitesten Sinn ein Lied und kein materielles Ding; es ist ein fließendes Musterund keine fixierte Einheit; es ist eine Melodie welche von vielen unterschiedlichen Instrumenten gespielt werden kann, aber es ist selbst  kein Instrument. Es gibt bedeutende Unterschiede zwischen individuell, kommunal und artefaktisch, aber was ihre Strukturen alle gemeinsam haben ist, dass sie alle einem Lied ähneln.

Kein Lied existiert getrennt von irgendeiner Art von Instrument (menschliche Stimme, Vogelstimme, Violine, Klavier, usw.), und es ist auch kein Instrument oder eine Kombination von Instrumenten, und kann auch auf keine Weise durch eine Beschreibung derjenigen Instrumente, die das Lied spielen, erfasst werden.

Wenn also strukturelle Holisten (in einem individuellen oder kulturellen Holon) auf ein Lied stoßen, versuchen sie im allgemeinen seine Melodie bzw. sein identifizierendes Muster aufzudecken. Verschiedene Strukturalisten haben sich dieser Aufgaben auf verschiedenen  nützlichen Wegen genähert. Einige Strukturalisten - wie Piaget - haben versucht, mathematische Definitionen für diese kosmischen Lieder zu finden. Andere Strukturalisten, wie Erik Erikson, bieten eher textliche Beschreibungen psychosozialer Muster an. Einige konzentrieren sich mehr auf die Seite der dritten Person; diese werden allgemein als Formalisten bezeichnet (ein brillanter Pionier auf diesem Gebiet, und immer noch einer meiner Favoriten, ist Roman Jakobson). Andere Strukturalisten halten sich mehr an die erste Person, die institutionale und hermeneutische Seite (z.B. Jacques Lacan, Roland Barthes). Viele haben eine starke Synthese sowohl der Aspekte der ersten Person als auch der Aspekte der dritten Person versucht (bzw. der Semantik und der Syntax von Liedern) - ein früher Pionier bei diesem integrativen Unternehmen (und einer der begabtesten) war Paul Ricoeur. Und, wie wir gerade gesehen haben, versuchte Michel Foucault seine eigenen Synthese (der Interpretationen der ersten Person und dem Strukturalismus der dritten Person), um zu einer “interpretativen Analytik” zu gelangen.

Besonders erwähnt werden muss Jean Gebser, der einem vielleicht als der größte der postmodernen Strukturalisten in den Sinn kommt (nicht als postmoderner Poststrukturalist, welche eine Bruchlandung machten). Alle heutigen adäquaten Strukturalisten sind in der Tat postmoderne Strukturalisten, welche ich post/Strukturalisten nennen würde, auch wenn niemand das versteht. (Hin und wieder lass ich mich dennoch dazu hinreißen, wie im Titel dieses Excerpts [D]). Adäquate Strukturalisten oder post/Strukturalisten decken beides ab (3p Formalismus und 1p Interpretationen); erkennen die Relativität von Oberflächenmerkmalen; sind offen für die zahlreichen verschiedenen Ebenen und Linien; und gründen ihre Behauptungen ausschließlich auf sorgfältige Forschung. Gebser ist ein wunderbares Beispiel im Aufzeigen verschiedener Bewusstseinsstrukturen, mit einer wundervollen Klarheit und tiefen Einsicht, oft verbunden mit literarischer Größe, und gibt sowohl den Innenseiten wie auch den Außenseiten innerlicher Holons Raum. Ein Genie wie Gebser zu lesen macht einen immer bescheiden gegenüber der außerordentlichen Großzügigkeit eines GEISTES, welcher so viel Platz für so viele strahlende Wirklichkeiten schafft.

Ich habe bereits schon eine Zusammenstellung verschiedener Typen von Strukturen gegeben, welche von kompetenten Forschern vorgeschlagen wurden (hier noch mal die Liste): Carol Gilligan”s drei Stufen von egoistisch zu sorgend zu universellem Mitgefühl in der weiblichen moralischen Entwicklung; Robert Kegan”s fünf Ordnungen des Bewusstseins; Spiral Dynamics’ Aufdeckung des blauen, orangen, grünen, türkisen Mem, usw.; Jean Gebser’s berühmte archaische, magische, mythische, rationale und integrale Struktur; Jane Loevinger’s symbiotische, konformistische, pflichtbewusste, individualistische und integrale Selbst-Identitäten (usw.); formal operationale Kognition, die relativistisch-pluralistische Wertestruktur, das konstruiert-bewusste Selbst, das Bewusstsein der vierten Ordnung, die moralische Stufe 2, die partizipatorische Stufe, die präkonventionelle Stufe, das pflichtbewusste Selbst, die sensorimotorische Kognition, und so weiter.

Der Punkt dabei ist einfach der, dass jede dieser Strukturen wie ein Lied ist; jede hat eine einheitliche Ganzheit, welche die Typen von Phänomenen definiert die durch diese Strukturen inszeniert und hervorgebracht werden; jede steht für die Art und Weise, auf die eine Welt gemeinschaftlich erschaffen und konstruiert wird, durch diejenige Bewusstseinsstruktur welche die Welt wahrnimmt/inszeniert; jede hat eine Melodie bzw. eine identifizierbare Struktur (oder einen internen Code), was für eine individuelle Struktur bedeutet, dass jedes Phänomen innerhalb der Struktur dieser Melodie folgt und intern bezüglich seiner Regeln oder Muster) ist, und, für eine kollektive Struktur, dass ein zusammengesetztes Individuum dann innerhalb der Struktur ist, wenn seine Austauschbeziehungen ihr gegenüber intern sind; jede Struktur oder Melodie hat Tiefenmerkmale, welche die allgemeinen Elemente des Liedes repräsentieren, wo auch immer es erscheint, ebenso wie Oberflächenstrukturen, welche immer unterschiedlich sind, wo immer es erscheint; nichts davon sind vorgegebene ontologische Strukturen, sondern die Ergebnisse kreativer und emergenter Neuheiten, welche schließlich zu evolutionären Gewohnheiten werden (die dennoch unabhängig sind von einem bestimmtenIndividuum, und so die “trans-individuellen” Merkmale von metaphysischen Ebenen oder Bereichen bewahren, aber ohne deren ontologischen Ballast).

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