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Autor Thema: Gibt es geistiges Eigentum? - Integrale Deutungsversuche  (Gelesen 4421 mal)
juan_antonio
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Beiträge: 316



« Antworten #30 am: Mai 11, 2012, 21:53:19 »

Hallo noch mal zusammen,

einen Punkt möchte ich noch einmal in einem Extra-Post behandeln, bevor in den vielen Zitatkästen verschwindet und keine Aufmerksamkeit bekommt.

Ausgehend von der selbstverständlich anmutenden rhetorischen Frage von MiHa:

Zitat
Wer, meinst du, hat die von mir zitierten Sätze gedacht und geschrieben und ist deren Urheber?

hatte ich bereits die Frage an MiHa zurückgeworfen, eine Antwort blieb aus, so das ich das mal aus meiner Sicht erklären möchte.

Aus integraler Sicht ist das Problem ganz einfach ersichtlich:

Denn die Frage, wer ist der Urheber dieser Zeilen berührt DIE Frage nach: Wer bin ich?

Und hier können wir mithilfe der integralen Landkarte sagen, das es ganz und gar nicht selbstverständlich ist, das wenn ich hier inhaltlich etwas schreibe, das das von mir kommt. Sondern das ich hier durchaus Unterscheidungen treffen kann.

Und zwar ganz streng im Sinne der Bewußtseinsentwicklung und damit der Ich- oder Selbstentwicklung.
Und das die Höhe der Ich- oder Selbstentwicklung mit dem Bewußtsein über die Frage, was ist Eigentum korreliert, das sollte auch klar werden.

Die Erklärung anhand eines einfachen Beispieles:

Wenn ich einen Schamanen in einer schriftlosen Kultur frage, woher er diese oder jene Melodie hat, die er bei welchem Ritual auch immer vor sich her singt, wird er sagen: "Das ist die Stimme der Ahnen - von Ihnen hab ich die Melodie" oder er sagt: "Baumgott XY hat mir die Melodie geschenkt" oder dergleichen.
NIE käme er auf die Idee zu sagen, die Melodie ist von mir!!!
Warum: Ganz einfach, Schamanen leben noch in einer prärationalen Welt, sie haben hin und wieder Zugang zu transrationalen Welten aber nur zeitweise durch Erlangung subtiler Zustände. Zustände sind keine gefestigten Strukturen.
Sie interpretieren also subtile Zustände in prärationalen Bildern und Begriffen.
Und genauso wie der Schamane nie auf die Idee kommen würde, Lieder die er singt als sein geistiges Eigentum zu betrachten, so ist der Begriff des Eigentums generell in diesen schriftlosen Kulturen ein eher unbekannter Begriff. Eben weil es noch kein ausgeprägtes Ich gibt, das hier klare Abgrenzungen schafft.
Das es kein Eigentum gibt wird dann gern von Vertretern der modernen Welt als besonders weise angesehen aber das ist es natürlich nicht. Die Abwesenheit von Eigentum ist nicht bewußt geschaffen worden sondern resultiert aus der prärationalen Bewußtheit.

In der weiteren Ich-Entwicklung entwickelt sich ein rationales Ich, das ist das bekannte Ich, welches wir hier allgemein kennen und aus dessen Bewußtseinsraum das Zitat von MiHa stammt.
Hier brauch ich keine weiteren Erklärungen geben. Auch was Eigentum angeht nicht.

Wie wir aber wissen, geht die Entwicklung weiter, von prärational über rational zu transrational.

Es dürfte klar sein, das sich bei der Weiterentwicklung des Ichs über sich selbst hinaus, auch die Frage "Wer bin ich?" anders beantwortet wird und damit auch die Frage: "Wer ist der Urheber dieser Zeilen?"

Außerdem wird damit auch eine Veränderung des Bewußtseins über das, was man Eigentum nennt, stattfinden.

In der integralen Bewegung tauchte vor einiger Zeit der Begriff des "Unique Self" - des einzigartigen Selbst auf. Vielleicht ist das eine passende Beschreibung eines transrationalen Selbst. Und dann können wir ja die Frage stellen: "Wer ist der Verfasser dieser Zeilen aus der Sicht eines einzigartigen Selbst?" Das kleine Ego (ob MiHa oder juan_antonio) oder doch etwas mehr?
Und wem gehört dann das was ich (ich gemeint aus der Sicht des Einzigartigen Selbst) erschaffe?

Deshalb also Vorsicht, wenn man meint, es ist völlig klar, wer Urheber ist. Das ist eine Frage der Höhe des Bewußtseins.

Und um den Bogen nun wieder zur Frage nach der Bedeutung für die aktuelle Debatte über das Urheberrecht zu bekommen, sage ich, das ich glaube, das die Entwicklung der virtuellen = digitalen Welt, die Schaffung der Möglichkeit verschiedene Identitäten anzunehmen, ein Stück weit Entwicklung hin ist, die es ermöglicht, das sich ein Individuum über sich hinaus bewegt.
Zunächst besteht der notwendige Schritt hin zu mehr weltzentrischen Bewußtsein. Das macht uns die technische Entwicklung vor.

In diesem Sinne eine identitätsreiche Nacht!

Gruß

juan_antonio

PS.: Auch das ist selbstverständlich alles open source. Obwohl es durchaus Wert hat, wie ich meine.
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MiHa
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Beiträge: 92


« Antworten #31 am: Mai 12, 2012, 07:50:58 »


Hallo Juan Antonio und alle,

Zitat
Und hier können wir mithilfe der integralen Landkarte sagen, das es ganz und gar nicht selbstverständlich ist, das wenn ich hier inhaltlich etwas schreibe, das das von mir kommt.


Das klingt für mich nicht nach einer angemessenen Interpretation der „integralen Landkarte“, sondern nach einer typischen postmodernen Übertreibung, nach dem Motto: „Ich sage zwar etwas, aber es gibt keine Autorenschaft“ (weil alles relativ ist, und damit gibt es auch keine Verantwortung).
Das ist nicht die integrale Sicht, jedenfalls nicht die von Wilber. Wilber sagt im Gegenteil, Bezug nehmend auf den Philosophen Nagel, dass es „kein Sicht von Nirgendwo“ gibt, sondern dass jede Aussage immer in Bezug zu setzten ist zu dem Individuum welches diese Aussage macht. Das ist ein starkes Argument für Urheberschaft. Wilber fügt dann noch (in „Integrale Spiritualität“) die Vorstellung von einer „kosmischen Adresse“ hinzu, aus der hervorgeht dass diese (und jede) Aussage einen AQAL Hintergrund hat, und geprägt ist von der perspektivischen Orientierung, Entwicklungsstufe, Entwicklungslinien, Zustand und typologischen Orientierungen des oder der Betreffenden, doch es ist völlig klar (jedenfalls nach der integralen Theorie und Praxis) dass keine Aussage in der Luft hängt und aus dem Nirgendwo kommt, sondern von einem Individuum, einem Ich, natürlich eingebettet in zahllose Kontexte und niemals absolut existierend.  Dein Beitrag demonstriert das anschaulich: Du verwendest darin ca. 20 x das Personalpronomina „ich“, 4 x „mir“ und 1 x „meiner“.

Das gilt natürlich auch für die Forderung der Abschaffung von geistigem Eigentum und Urheberschaft. Woher kommt die denn? Von den Piraten, der CSU, der GEMA, einem unpersönlichen Prozess, einer Schwarmintelligenz – oder ist das nicht klar und hängt in der Luft? Wenn es nicht zuordenbar und beliebig ist, dann kann man es auch vergessen …
Natürlich verändern sich Vorstellungen von Urheberschaft, Eigentum usw. im Lauf der Entwicklung, aber, wie schon in vorangehenden Beiträgen gesagt, Subjektivität, Individualität und Urheberschaft („keine Aussage kommt aus den Nirgendwo“) werden dabei nicht verschwinden, weil die Quadranten – wie Wilber sagt – „von ganz unten bis nach ganz oben“ reichen.

Zitat
Wenn ich einen Schamanen in einer schriftlosen Kultur frage, woher er diese oder jene Melodie hat, die er bei welchem Ritual auch immer vor sich her singt, wird er sagen: "Das ist die Stimme der Ahnen - von Ihnen hab ich die Melodie"
NIE käme er auf die Idee zu sagen, die Melodie ist von mir!!!

Das ist ja genau das Problem und der Widerspruch. Der Schamane verwendet das Pronomina „ich“ („von Ihnen habe ich die Melodie“), und leugnet gleichzeitig seinen Anteil daran. An dieser Stelle wird es gefährlich. Moderne Schamanen (und Gurus und Führer) sprechen gerne von einem „höheren Wir“ oder „Schwarmintelligenz“ oder einem „unpersönlichen Prozess“. Das ist auch OK, solange dabei nicht persönliche Urheberschaft, individuelle Verantwortung und Zuständigkeit verloren gehen. Doch manchmal wird dieser Eindruck erweckt, und dann sind es nur ein paar Schritte von

- Das Leben ist ein unpersönlicher Prozess
- Es gibt ein höheres Wir
- Ich (der Guru) repräsentiere beides, und es spricht durch mich
- Führer befiehl, wir folgen

Das hatten wir schon mal … 

Zitat
Die Abwesenheit von Eigentum ist nicht bewußt geschaffen worden sondern resultiert aus der prärationalen Bewußtheit.

Ob diese "Abwesenheit" so war bezweifle ich. Wenn jemand dem Schamanen „seinen“ Medizinbeutel wegnimmt, dann denke ich schon dass der Schamane darauf entsprechend reagiert.  Auch wenn jemand ihm „seine“ Schamanenposition streitig macht. Für den Schamanen ist doch klar: „ich bin der Schamane“, und nicht ein unpersönlicher Prozess oder etwas anderes, auch wenn der Eigentumsbegriff, so wie wir ihn heute verstehen, vor 10.000 Jahren natürlich noch ein anderer war. Aber das Erleben von Subjektivität, aus dem heraus der Eigentumsbegriff (und Identität, Urheberschaft, Zugehörigkeit usw.) sich entwickelt haben, ist uralt, und beginnt, wenn man so will, mit dem Urknall (wo ein Innen ist, ist ein Aussen, wo ein Ich, ist ein Wir).   
Natürlich wünsche ich mir auch Weiterentwicklungen von Eigentum im Sinne einer besseren und gerechteren Welt, doch wenn ich mitbekomme, dass eine der Hauptperspektiven (Ich-Individualität, Wir-Kollektivität, Es-Systemisch) sich wieder  - extremistisch - auf Kosten einer anderen durchsetzten möchten, dann klingeln bei mir die Alarmglocken.

Herzliche Grüße

Michael
(als der Urheber dieser Zeilen, mit einer kosmischen Adresse über die gerne spekuliert werden darf)












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juan_antonio
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Beiträge: 316



« Antworten #32 am: Mai 13, 2012, 20:44:35 »

Hallo zusammen,


Das klingt für mich nicht nach einer angemessenen Interpretation der „integralen Landkarte“, sondern nach einer typischen postmodernen Übertreibung, nach dem Motto: „Ich sage zwar etwas, aber es gibt keine Autorenschaft“ (weil alles relativ ist, und damit gibt es auch keine Verantwortung).
Das ist nicht die integrale Sicht, jedenfalls nicht die von Wilber. Wilber sagt im Gegenteil, Bezug nehmend auf den Philosophen Nagel, dass es „kein Sicht von Nirgendwo“ gibt, sondern dass jede Aussage immer in Bezug zu setzten ist zu dem Individuum welches diese Aussage macht. Das ist ein starkes Argument für Urheberschaft. Wilber fügt dann noch (in „Integrale Spiritualität“) die Vorstellung von einer „kosmischen Adresse“ hinzu, aus der hervorgeht dass diese (und jede) Aussage einen AQAL Hintergrund hat, und geprägt ist von der perspektivischen Orientierung, Entwicklungsstufe, Entwicklungslinien, Zustand und typologischen Orientierungen des oder der Betreffenden, doch es ist völlig klar (jedenfalls nach der integralen Theorie und Praxis) dass keine Aussage in der Luft hängt und aus dem Nirgendwo kommt, sondern von einem Individuum, einem Ich, natürlich eingebettet in zahllose Kontexte und niemals absolut existierend.  Dein Beitrag demonstriert das anschaulich: Du verwendest darin ca. 20 x das Personalpronomina „ich“, 4 x „mir“ und 1 x „meiner“.


Da kann ich Dich beruhigen. Ich wollte nichts anderes sagen, als das was Du hier selber noch mal wiedergibst.
Urheber und Eigentum haben immer eine kosmische Adresse, das ist doch klar. Aber diese Adresse wandert je nach Bewußtseinsentwicklung.
Keineswegs hab ich vor zu behaupten, das Urheber, Urheberschaft irgendwo in einem nihilistischen Nichts enden.
Das ist extreme Postmoderne. Auch das hat Wilber ja sehr eindrucksvoll klar stellen können.

Es geht nur darum zu erkennen, das wenn ich heute "Ich" sage, das dies aus einer anderen Welt kommt, als das "Ich" welches ich vor 20 Jahren benutzt habe und wenn ich noch 20 Jahre leben sollte, dann wird das "Ich" sofern ich mich weiterentwickle, wieder aus einer anderen Welt kommen.
Welten, die natürlich nicht völlig losgelöst voneinander sind, sondern ineinandergreifen, aufeinander aufbauen.




Das ist ja genau das Problem und der Widerspruch. Der Schamane verwendet das Pronomina „ich“ („von Ihnen habe ich die Melodie“), und leugnet gleichzeitig seinen Anteil daran. An dieser Stelle wird es gefährlich. Moderne Schamanen (und Gurus und Führer) sprechen gerne von einem „höheren Wir“ oder „Schwarmintelligenz“ oder einem „unpersönlichen Prozess“. Das ist auch OK, solange dabei nicht persönliche Urheberschaft, individuelle Verantwortung und Zuständigkeit verloren gehen. Doch manchmal wird dieser Eindruck erweckt, und dann sind es nur ein paar Schritte von

- Das Leben ist ein unpersönlicher Prozess
- Es gibt ein höheres Wir
- Ich (der Guru) repräsentiere beides, und es spricht durch mich
- Führer befiehl, wir folgen

Das hatten wir schon mal … 

Ja, moderne Schamanen und Esoterik, das ist Flachland mit Retroromantik gepaart.


Ob diese "Abwesenheit" so war bezweifle ich. Wenn jemand dem Schamanen „seinen“ Medizinbeutel wegnimmt, dann denke ich schon dass der Schamane darauf entsprechend reagiert.  Auch wenn jemand ihm „seine“ Schamanenposition streitig macht. Für den Schamanen ist doch klar: „ich bin der Schamane“, und nicht ein unpersönlicher Prozess oder etwas anderes, auch wenn der Eigentumsbegriff, so wie wir ihn heute verstehen, vor 10.000 Jahren natürlich noch ein anderer war. Aber das Erleben von Subjektivität, aus dem heraus der Eigentumsbegriff (und Identität, Urheberschaft, Zugehörigkeit usw.) sich entwickelt haben, ist uralt, und beginnt, wenn man so will, mit dem Urknall (wo ein Innen ist, ist ein Aussen, wo ein Ich, ist ein Wir).   
Natürlich wünsche ich mir auch Weiterentwicklungen von Eigentum im Sinne einer besseren und gerechteren Welt, doch wenn ich mitbekomme, dass eine der Hauptperspektiven (Ich-Individualität, Wir-Kollektivität, Es-Systemisch) sich wieder  - extremistisch - auf Kosten einer anderen durchsetzten möchten, dann klingeln bei mir die Alarmglocken.


Ja, das Wort 'Abwesenheit' könnte vielleicht zu Mißverständnissen führen.
Es reicht zumindest zu sagen, das der Eigentumsbegriff und der Identitätsbegriff, denn eine Vorstellung von sich selbst gibt es sicher mit dem Beginn der Evolution, wie minimal das am Anfang auch gewesen sein mag, sich entwickeln und die Vorstellung von Eigentum weniger entwickelt war in den früheren Zeiten der Menschheit.

Gruß

juan_antonio

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MiHa
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« Antworten #33 am: Mai 14, 2012, 09:42:12 »

Hallo Juan Antonio,

vielen Dank für deine Erläuterungen

In der Wochenendausgabe der SZ war ein Beitrag "Die Piraten und der Kabeljau" abgedruckt, der vieles ausdrückt was mich bei dem Thema auch bewegt:

Zitat
Das perfide dieser Argumentation [die Autoren kriegen nichts] wird dadurch kaum gemildert, dass die Freibeuter des Netzes jeweils nur die Zahlung kleinerer Beiträge vermeiden und die Logik von Markt und Geld scheinbar gänzlich abschaffen. Denn nicht nur hilft der partielle Kommunismus nichts, wenn alles andere weiterhin bezahlt werden muss und der enteignete Schriftsteller seinerseits die Brötchen beim Bäcker keineswegs umsonst kriegt. Sondern das trügerische Gratis schlägt auch als gewaltiges Plus bei den nun wirklich ganz großen Verwertern zu Buche, den Betreibern der Netze, die ihren Profit aus der Vermittlung des für sie kostenlosen "contents" ziehen: Sie nehmen den Produzenten alles weg, schenken den Konsumenten ein bisschen was davon und kassieren den beträchtlichen Rest selber. Dass dabei die Bedingungen zerstört werden, unter denen überhaupt produziert werden kann, nehmen sie gelassen in Kauf: Die dann frei werdenden Kapazitäten lassen sich mühelos zu anderen "contents" umlenken, so wie die Hochseefischerei, wenn der Kabeljau "kommerziell auisgerottet" ist, für ihre Fischstäbchen gern zu anderen Arten greift. (Burkhard Müller, SZ 12./13.Mai 2012)

Das sehe ich auch so. Diese merkwürdige Mischung aus Liberalismus, Kommunismus und Egoismus die hinter der Forderung der Abschaffung von Autoren- und Urheberrechten steht, ist für mich kein Fortschritt.

Herzliche Grüße

Michael
 


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juan_antonio
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« Antworten #34 am: Mai 17, 2012, 20:25:23 »

Hallo MiHa,

da muß man genau hinschauen und hinhören was gesagt wird.

Ich glaube nicht, das die Piraten ein einheitliches Bild zu dieser ganzen Geschichte abgeben, sondern das viele einzelne Stimmen was sagen und es dann zunächst interessant ist, was Reporter sich da raus picken.

Es gibt ganz gewiss Äußerungen, die den Schluß nahelegen, das Piraten für die Abschaffung des Urheberrechts seien, aber ich glaub nicht, das dort ein einheitlicher Konsens darüber bestehen würde.

Wie in dem von Carsten gelinkten Podcast geht es auch um die Anpassung des Urheberrechts und vielleicht noch mehr des Nutzungsrechts. Das ist eine viel bessere Sichtweise.

Da der ich würde mal sagen "gemeine Pirat" ;-) eben auch keine Hierarchien kennt, lebt er im Flachland und dann heißt die Opposition für ihn: "Wenn das Urheberrecht im Internet nicht so anwendbar ist, dann muß man eben das ganze Urheberrecht beseitigen." Entweder oder - das ist die einzige Wahl, die ein Flachländler hat.
Aus integraler Sicht weiß man aber, das es nicht um eine Abschaffung des Urheberrechts geht sondern um eine Erweiterung.

Wenn sich mit der Erschaffung der virtuellen Welt die Möglichkeiten der kosmischen Adressierung erweitert haben, muß man auch die Definitionen von dem was man bisher geschaffen hat modifizieren.
Zu der analogen Welt kommt jetzt die virtuelle Welt und diese virtuelle Welt verläuft nach erweiterten Gesetzmäßigkeiten.
Man kann nicht mit denselben Gesetzen der analogen Welt die virtuelle Welt beschreiben.
Das wäre wie, wenn man versucht, die Gesetze der Quantenphysik aus den Gesetzmässigkeiten der klassischen newtonschen Physik herzuleiten.
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

So sehe ich die Versuche, derjenigen, die immer mit Beispielen aus der analogen Welt kommen um zu zeigen, warum es auch im Internet so sein muß, mehr als fragwürdig. Auch das Vergleichsbeispiel von Deinem Zitat mit dem Kabeljau finde ich nicht passend.

Ich hab so was in der Art schon bei Sascha Lobo, einer der Net-Freaks, beobachtet. Er hatte mal in einem Blogeintrag zum Thema Urheberrecht gesagt:

Zitat
Hier, in Berlin, gibt es eine große Anzahl von öffentlichen Blumenbeeten (ja, ich wähle ein kitschiges Schlussbild, absichtlich). Sie sind wunderschön, und ich bin sicher, dass man nichts zu befürchten hat, wenn man ein paar Blumen abreisst. Trotzdem sehen die allermeisten Menschen ein, dass man besser Blumen im Laden nebenan kauft, anstatt sie kostenlos abzurupfen. Ausser einer handvoll 15jähriger. Aber damit muss man leben. Kann man auch.

Zu finden auf Sascha Lobos Blog:

http://saschalobo.com/2010/07/08/die-bescheuerte-musikindustrie-und-die-egoistischen-filesharer/

Ob sein Beispiel kitschig ist oder nicht steht gar nicht zur Diskussion, nein es ist das Beispiel selbst welches völlig ungeeignet ist um als Beispiel zu dienen weil er in dem Beispiel von physischen Dingen spricht, nämlich Blumen etc.
 Aber wenn wir über Filesharing sprechen, sprechen wir über transphysische Dinge, eben das Internet und was dazugehört. Dort klaut man nix weil dies gar nicht möglich ist sondern man kopiert maximal etwas.
 Wenn ich eine Blume pflücke ist sie nicht mehr dort wo sie war. Wenn ich eine Datei kopiere, ist sie selbstverständlich noch da. Eine Blume kann ich nicht einfach kopieren, eine Datei schon.

Und das ist das Hauptproblem der meisten Leute. Sie sehen nicht die Hierarchien und glauben deshalb man kann alles in einen Topf werfen.
Gerade hier ist die integrale Theorie bestens prädestiniert, klarzustellen.
Würde mich freuen, wenn Ken Wilber dazu mal was sagen könnte.

Gruß
juan_antonio
 
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MiHa
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« Antworten #35 am: Mai 20, 2012, 10:32:59 »

Hallo Juan Antonio und alle,

In einem Beitrag der Süddeutsche Zeitung von heute (19./20.5.12) trägt der Autor Dirk von Gehlen unter der Überschrift „Im Clinch“ eine Reihe von Perspektiven vor, wie wir sie hier auch zusammengetragen und diskutiert haben, auf dem Weg zu einer integralen Lösung des Interessenausgleich von Urheber, Providern (im weitesten Sinn) und Nutzern. 

Nachfolgend ein paar Auszüge.

Herzliche Grüße
Michael

Zitat
Kein Spitzenpolitiker … äußere sich gerne zu den Themen des korrekt als Immaterialgüterrecht beschriebenen Fachbereichs. Die Gefahr ist zu groß, sich auf beiden Seiten des digitalen Grabens unbeliebt zu machen. Dort haben sich zwei Gruppen verschanzt, die eigentlich dringend aufeinander zugehen sollten.


Zitat
Diese [Internet] Revolution ist keine Parteien-Forderung, sie ist Realität. Die Einsicht in diese Realität sollte Grundlage jeder Debatte sein.


Zitat
Schon heute werden jährlich bis zu 700.000 Abmahnungen verschickt, um Menschen juristisch daran zu hindern, was das Netz ihnen ermöglicht: zu privaten Zwecken zu kopieren.
190 Millionen Euro hat die sogenannte Abmahnindustrie 2011 eingenommen … Die Tatsache, dass die Gesellschaft sich nicht darüber einigen kann, wie sie konstruktiv mit den Folgen der Digitalisierung umgehen will, kennt nur zwei Gewinner: Juristen und die zu Recht kritisierten global agierenden Internetkonzerne.


Zitat
Das beste Mittel gegen Piraterie ist ein gutes legales Angebot.


Zitat
Welches Verhältnis entwickeln … Menschen zu den Gesetzen ihres Landes?


Zitat
Wie schafft man Gerechtigkeit? Selbstverständlich ist ein Rechtsbruch nicht dadurch zu legitimieren, dass er von vielen begangen wird oder seine Durchsetzung mit Kosten verbunden ist ... Egal wie stark man den Arm des Gesetzes einschätzt, das Internet wird er nicht stoppen. Die Frage kann also nur lauten: Wie kann der Gesetzgeber ohne demokratiefeindliche, kostenintensive Überwachung die technischen Möglichkeiten so gestalten, dass es einen Ausgleich zwischen den Interessen der Urheber und der Nutzer geben kann?


Zitat
Das geistige Eigentum ist besonders darauf angewiesen, dass es von der Bevölkerung akzeptiert wird … rechtliche Regeln [werden] nicht nur von Gerichten durchgesetzt, sondern [sind] vor allen Dingen dadurch Realität, dass die Menschen die Regelungen akzeptieren.

Zitat
Vorschläge wie die sogenannte Kulturflatrate oder das … vorgeschlagene Tauschlizenz-Modell haben ihre Schwächen. Sie haben aber eine unschlagbare Stärke: Sie lösen den Grundkonflikt, der aus den Möglichkeiten der digitalen Kopie erwächst.


Zitat
Wenn die Gesellschaft nicht selbst aktiv nach diesen Antworten sucht, werden kommerzielle Unternehmen und Lösungen präsentieren, bei denen sicher nicht der gerechte Ausgleich unterschiedlicher Gruppen im Vordergrund steht.
 

 

 





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juan_antonio
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« Antworten #36 am: Mai 21, 2012, 20:40:33 »

Hi,


Zitat
Diese [Internet] Revolution ist keine Parteien-Forderung, sie ist Realität. Die Einsicht in diese Realität sollte Grundlage jeder Debatte sein.


Sehr gut erkannt! Es geht um die Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf unser Zusammenleben. Wir sind mittendrin in diesen Umwälzungen.

Zitat
Schon heute werden jährlich bis zu 700.000 Abmahnungen verschickt, um Menschen juristisch daran zu hindern, was das Netz ihnen ermöglicht: zu privaten Zwecken zu kopieren.
190 Millionen Euro hat die sogenannte Abmahnindustrie 2011 eingenommen … Die Tatsache, dass die Gesellschaft sich nicht darüber einigen kann, wie sie konstruktiv mit den Folgen der Digitalisierung umgehen will, kennt nur zwei Gewinner: Juristen und die zu Recht kritisierten global agierenden Internetkonzerne.


Ja, diese Aussage würde ich auch unterzeichnen. Das kann eben nicht die Lösung sein.

Zitat
Das beste Mittel gegen Piraterie ist ein gutes legales Angebot.


Durchaus möglich.



Zitat
Wie schafft man Gerechtigkeit? Selbstverständlich ist ein Rechtsbruch nicht dadurch zu legitimieren, dass er von vielen begangen wird oder seine Durchsetzung mit Kosten verbunden ist ... Egal wie stark man den Arm des Gesetzes einschätzt, das Internet wird er nicht stoppen. Die Frage kann also nur lauten: Wie kann der Gesetzgeber ohne demokratiefeindliche, kostenintensive Überwachung die technischen Möglichkeiten so gestalten, dass es einen Ausgleich zwischen den Interessen der Urheber und der Nutzer geben kann?


Wenn ein Rechtsbruch von immer mehr Menschen begangen wird, ist es möglicherweise bald keiner mehr weil es normal ist. Dahin wird der Zug wohl auch fahren. Stichwort "Freiheit" (Eros) im integralen Sprachjargon.
Ja, der Gesetzgeber ist die ausführende Instanz, zuvor muß, wie im Zitat weiter unten angeklungen, die Gesellschaft selbst aktiv nach Antworten suchen.
Wir brauchen keine demokratiefeindlichen Überlegungen anzustellen, sondern wir brauchen demokratietransformierende Überlegungen.


Zitat
Vorschläge wie die sogenannte Kulturflatrate oder das … vorgeschlagene Tauschlizenz-Modell haben ihre Schwächen. Sie haben aber eine unschlagbare Stärke: Sie lösen den Grundkonflikt, der aus den Möglichkeiten der digitalen Kopie erwächst.


Ja, das wäre so eine Option, der man Beachtung schenken kann.

Zitat
Wenn die Gesellschaft nicht selbst aktiv nach diesen Antworten sucht, werden kommerzielle Unternehmen und Lösungen präsentieren, bei denen sicher nicht der gerechte Ausgleich unterschiedlicher Gruppen im Vordergrund steht.
 

Schon möglich, aber eine wirkliche Lösung des Konflikts wäre damit nicht verbunden. Irgendwann kochen die Widersprüche wieder hoch und verlangen nach einer Neuaufnahme.

Gruß

juan_antonio
 
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juan_antonio
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« Antworten #37 am: Juli 02, 2012, 20:36:41 »

Und weiter geht's...  Augen rollen

So, nach dem wir nun aus der Fußball-EM-Hypnose wieder erwacht sind, ich fand Spanien ist ein guter Europameister geworden, möchte ich noch ein paar weitere Gedanken zu diesem Thema hier, der Frage nach dem "Geistigen Eigentum" in die Runde werfen.

Mir ist ein Aufsatz aus dem "SPIEGEL" Nr. 21 von diesem Jahr zugekommen und ich fand den Artikel sehr gut weil er meine Ansichten bis auf weiteres bestätigt.

Hier die Details:

So wie ich es schon mehrfach versuchte klar zu machen, das bei der Beschreibung der digitalen Welt keine Vergleiche etwas bringen, die aus der analogen Welt kommen, weil sie schlicht die Natur der digitalen Welt nicht erfassen können, so sieht es auch Lawrence Lessie, Harvard-Professor und Guru einer freien Netzkultur.

Zitat
Die Architektur der Urheberrechtsgesetzgebung, die jetzt dem Internet aufgezwungen wird, wurde für ein völlig anderes Zeitalter und eine andere Technologie geschaffen"

Mit dem anderen Zeitalter und Technologie ist die vorangegangene Zeitepoche gemeint, logisch.

Und weiter:

Zitat
Es sei, so der Professor, einfach die falsche Strategie, ein Entlohnungssystem für Künstler zu erzwingen, 'indem man die Kopien reglementiert'. Denn im Netz sei alles Kopie. Im digitalen Zeitalter habe das ebenso 'viel Sinn wie die Strategie, Treibhausgase in den Griff zu bekommen, indem man das Atmen reglementiert'.

Ein wichtiger Gedanke. Beispielsweise das Internet ist eine reine Kopiermaschine. Auch wenn ich hier die Seiten des Integralen Forums aufsuche, wird immer eine Kopie generiert.
Dieser Gedanke im Netz sei alles Kopie verführt manchen allerdings auch zu der Annahme, das man das Urheberrecht ganz abschaffen müsse.
Auch im Spiegel, diesmal online kann man dazu einen Artikel von Michael Seeman lesen:

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/warum-urheberrecht-und-internet-nicht-zusammenpassen-a-828246.html

Mir scheint diese Ansicht dann schon zu radikal und wie ich es schon in einem Post früher schrieb, der Tatsache geschuldet, das die meisten Leute, die zu diesem Thema ihre Meinung äußern keine Entwicklungshierarchien kennen und somit immer in eine "Entweder-Oder"-Argumentation verfallen.
Soweit muß man meiner Ansicht nach nicht gehen.

Und jetzt die beste Stelle im Artikel, weil sie meine Intention, das es Unsinn ist, vom "Geistigen Eigentum" zu sprechen, treffend wiedergibt:

Zitat
'Wenn es etwas gibt, was sich nun überhaupt nicht als Eigentum eignet, dann ist es, was man Ideen nennt. In dem Moment, in dem sie hervorgebracht sind, gelangen sie durch eigene Kraft in den Besitz von jedermann.' Das hat kein Pirat gesagt, sondern der amerikanische Gründungsvater Thomas Jefferson im Jahr 1813.

Voila! Ich wußte das nicht, aber wie es eben so ist, man freut sich, wenn man auf Gleichgesinnte trifft ;-)

Außerdem im Spiegel-Artikel:

Die wichtigste deutsche Instanz zum Fragen des Urheberrechts, das Münchner Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht hat sich umbenannt, es geht jetzt nur noch um Immaterialgüterrecht!

Auch das bestätigt meine Ansichten, das die Formulierung von etwas, was man "Geistiges Eigentum" nennt, in die Irre führt.
Wer, wenn nicht die integrale Szene könnte da große Hilfestellung bieten, anhand des ausgefeilten AQAL-Landkartensystems.

Mit besten Grüßen

juan_antonio
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